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Anti-Aggressivitäts-Training in Suhl
Freies Wort vom 21.02.2008: Suhl – „Es war nicht nur geil, jemanden zu schlagen. Sondern es hat auch Spaß gemacht, selber mal eine in die Fresse zu kriegen.“ Ingo blickt nach diesen Worten in die Runde. Dann erzählt er relativ ruhig weiter: „Wenn 20 oder 30 Hooligans aufeinander los gehen, dann spürt man zwar noch seine Fäuste. Aber man weiß irgendwann nicht mehr, ob man gerade eben jemandem die Nase gebrochen oder ein paar Zähne ausgeschlagen hat.“ Die Runde schweigt. Nur Torsten muss feixen. Die Runde, das sind fünf junge Männer, ungefähr in Ingos Alter. Alle vorbestraft wegen Gewaltdelikten. Zumeist gefährliche Körperverletzung. Fünf junge Männer auf Bewährung. Keiner von ihnen kann sich dieser Tage „irgendein Ding“ leisten, denn dann sitzt er sofort im Knast... vollständiger Artikel
Eines vorab: ca. 95% unserer Jugendlichen sind angepasst und relativ unauffällige Menschen. Somit ist diese Generation keineswegs „schlechter“ oder „böser“ als andere frühere Generationen. Und das ist doch eine gute Nachricht, auch wenn vielleicht viele daran zweifeln mögen. Nur der restliche kleine Teil von ca. 5% ist für die Hälfte aller Straftaten verantwortlich. Diese Gruppe ist auch bereit schwerste Delikte zu begehen. Ein Fakt, der uns nachdenklich stimmen sollte.
Zielgruppe des AAT® sind also jene Jugendliche, die reihenweise Sozialarbeitern, Polizisten, Jugendrichtern und anderen Professionellen den Schlaf rauben. Jugendliche, die bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen durchlaufen haben und für sie scheinbar nur noch der Knast als Alternative übrig bleibt. Diesen Jugendlichen wollen und müssen wir uns widmen, denn ihr Persönlichkeitsprofil spricht eine andere Sprache.
Sie sind nicht das was sie darzustellen versuchen. Fast ausnahmslos waren sie selbst Opfer von Erziehungsgewalt. Für diese Jugendliche
ist Gewalt häufig eine Flucht nach vorne, nur um nicht selbst wieder verletzt zu werden.
In ihrer Ohnmacht haben sie irgendwann gelernt, dass Gewalt unangreifbar macht. Damit haben sie den Schlüssel gefunden, um sich selbstbewusst und dominant zu erleben. Sie fühlen sich mächtig, stark und anerkannt, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Gewalt gibt ihnen ein gutes Gefühl. Also warum sollten sich diese Jugendliche freiwillig ändern? Zudem erwartet unsere Gesellschaft starke Persönlichkeiten! Nur bestehen werden sie so in dieser Gesellschaft nicht. Die meisten Kandidaten sind in der Schule oder im Beruf gescheitert. Die Ausgangslage könnte kaum schlechter sein.
Beim AAT® müssen junge Gewalttäter dem wahren Ich begegnen. Denn ein Teil ihres Gewaltproblems ist das Nichtzeigen von Gefühlen, ist das Ersticken jeder sentimentalen Regung. Genau diese gilt es hervorzubringen und zuzulassen, denn nur wer Mitleid empfinden kann, „produziert“ keine Opfer. Hinter allem steckt der Grundgedanke, Aggressionen nicht mit Fäusten, sondern mit Worten auszuleben. Nach Ingo Bloeß, einem erfahrenen AAT® - Trainer und Ausbilder lautet „die ultimative Friedensbotschaft: Ich lehne jede Gewalt ab und lasse mich auch nicht in irgendwelche gewalttätigen Auseinandersetzungen ziehen!
Die Faust wird ersetzt durch die Macht des Wortes“.
Zudem wird soziale Kompetenz vermittelt und alternative Konfliktlösungsstrategien werden eintrainiert. Dazu braucht es ca. ein halbes Jahr Zeit und eine Gruppe von fünf bis acht Jugendlichen. Einmal wöchentlich findet ein Treffen für ca. zwei bis drei Stunden statt. Das Training ist vornehmlich an Jugendliche gerichtet, welche sich verändern wollen und mit dem „Bestehen“ und „Durchhalten“ des Trainings, sich z.B. einen Knastaufenthalt ersparen können. Beim AAT® handelt es sich um eine deliktspezifische, sozialpädagogische und psychologische Behandlungsmaßnahme, die sich der konfrontativen Pädagogik bedient. Konfrontiert werden die Jugendlichen hier nicht nur von den Professionellen, sondern auch durch die eigene Peer- group und das nicht nur auf dem so genannten „Heißen Stuhl“. In verschiedenen Modulen, werden die Jugendlichen in speziellen Kompetenzen gefördert.
Bspw. sollen sie begreifen, dass sie bereits mit ihrer Körpersprache aggressive/friedliche Signale aussenden können. Sie sollen peinliche Situationen aushalten und bewältigen lernen und über sich selbst lachen können. Sie lernen eigene Grenzen und Schwächen kennen. Sie lernen Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Im Mittelpunkt steht nicht die Strafe, sondern die damit verbundene Regelverletzung und die Tatbearbeitung. Kurzzeitig geraten die Jugendlichen aus ihrem psychologischen Gleichgewicht. Mit Wärme, Zuwendung, verständlichen und begreifbaren Verhaltensstandards werden diese Jugendliche „aufgefangen“ und trainieren mit Rollenspielen, Arbeiten in Kleingruppen, interaktionspädagogischen Übungen etc., ihre Aggressionen positiv nutzbar zu machen.
Jens Weidner, Rainer Kilb und Otto Jehn (Hrsg.) legen in dem Buch Gewalt im Griff Band 3 Weiterentwicklung des Anti - Aggressivitäts - und Coolness - Trainings, Weinheim, Basel, Berlin 2003, auf Seite 96 erste fundierte empirische Belege für den Strafvollzug vor: „Sowohl die Auswertungen innerhalb der Rückfallforschung zum AAT (von 1987 - 1997 an 74 behandelten Mehrfachgewalttätern) durch das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) im Bereich des Hamelner Jugendvollzugs (hier wurde AAT erstmals zu Begin der 80iger Jahre in Deutschland praktiziert) als auch eigene Wirkungsrecherchen belegen eine einschlägige Rückfallhäufigkeit von 37% der AAT behandelten Gewalttäter. Positiv ist zudem, dass von den 37% Rückfällen 53% deliktschwächer geworden sind (vgl. Ohlemacher 2000). D.h.
63% der behandelten Gewalttäter wurden nicht mehr einschlägig rückfällig.“
Stefan Schanzenbächer konnte mit seiner Veröffentlichung von Zwischenergebnissen verschiedener AAT - Projekte, welche mittlerweile deutschlandweit auch ambulant durchgeführt werden, nachweisen, „dass das Anti - Aggressivitäts - Training zur Abnahme von Aggressivität und Gewaltbereitschaft von jungen Menschen beiträgt.“ Somit kann das Training - in all seinen möglichen Varianten und Abstufungen - „als … effizient bezeichnet werden“.
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